Mädi oder warum Leonardo plötzlich wichtig ist
Wieder mal schau ich Mädi zwischen den Ohren durch, anstatt mein Ziel zu fixieren. Wieder höre ich irgendwo eine weibliche Stimme die mir eine Korrektur zuruft. Leider verstehe ich kein Wort denn die Rufende steht am anderen Ende des Sandplatzes. Sie friert, denn sie ist die einzige die sich nicht bewegt. Wir auf unseren Rössern sind am Reiten und obschon der Volksmund meint, wer reitet hat es bequem und muss sich nicht anstrengen, dem und vor allem dem Volksmund kann ich versichern… es ist anstrengend. Anstrengend so gut zu werden das die Anstrengung in Können übergeht und wir die Pferde domestizieren und nicht die Pferde uns…. Wie es gerade bei mir der Fall ist.
Mädi mein altes Freiberger Mädchen ist ziemlich abgebrüht und weiss genau wer Ihr da den Rücken unnötig belastet. Sie verlangt mir wirklich Konzentration ab, denn wenn sie schon seit 20 Jahren jedes Zucken und Hampeln des Reiters interpretieren muss, dann bitte korrekt Zucken und Hampeln und nicht so unkontrolliert.
Und wenn Monika die Reitlehrerin gerade nicht schaut, dann macht sie eben mal was ihr grad so in dem Pferdeschädel kommt. Meistens bleibt sie einfach stehen oder bewegt sich stoisch in genau die entgegengesetzt Richtung die die Pfeife im Sattel eigentlich will.
Wie dem auch sei, ich weiss mittlerweile wie man ein Pferd striegelt, die Hufe auskratzt, den Sattel rutschfest auf den Pferderücken bekommt und das es Sinn macht den Reiterhelm auf dem Kopf zu haben bevor Mädi Ihr Zaumzeug umgeschnallt bekommt.
Irgendwann wenn Monika nicht schaut, werde ich auch mal wieder versuchen ohne ein Hilfs-Leiter in den Sattel zu kommen, so richtig männlich eben. Der Rest des Reitens kommt dann schon irgendwann, ich vertrau da auf meinen Anteil ungarischer Gene. Die können ja bekanntlich alle reiten, denn in Ungarn gibt es ja nur flache Puszta, Jungs und Mädels in roten Reiterstiefeln und wilde Mustangs.
Falls die Story langweilig sein sollte, durchaus möglich. Aber Einleitungen sind oft eher langweilig. Aber notwendig, denn woher sollte der geneigte Leser denn sonst das Basiswissen erhalten um das nun Folgende zu verstehen?
Es war am Mittwoch vor zwei Wochen. Schon am Morgen dachte ich: „Super heute Abend werde ich Mädi striegeln und dabei so schön allen Tagesstress ablegen!“. Ich freute mich richtig auf die Reitstunde. Nebenbei erwähnt, es könnte auch daran liegen, dass ich abgesehen von den paar „reduzierten“ Wallachen unter den Pferden, der einzige Testosteron lastige Reitstundenteilnehmer bin. Ich denke die Damen verzeihen mir darum die meisten Fehler und bin ja auch dankbar dafür.
An jenem Mittwoch also war ich so richtig gut drauf und als ich endlich am Reiterhof ankam konnte es nicht schnell genug gehen bis ich Mädi aus dem Laufstall holen konnte.
Peinlich genug aber ich muss es zugeben, ich hab immer noch ein wenig Probleme wenn zwei Pferde ähnlich ausschauen und das tun sie ja. Kopf, vier Beine, Schweif, gleiches Fell und schon sehe ich vor lauter Hufen das Pferd nicht mehr.
Ich also voller Elan rein in den Laufstall und prompt beim falschen Ross gelandet. Als ich es begrüsse und Ihm die Zügel anlegen will sagt hinter mir jemand: „He das sind meine Zügel und wenn du schon nett sein willst, dann bitte mit mir!“.
„Oh oh falsches Pferd!“ dachte ich mir und versuchte bereits in der Umdrehbewegung eine gute Ausrede zu komponieren. Da war aber niemand hinter mir. Nur der schwarze, stolze Friese, ein Pony und dahinter ein Pferd das auch Mädi hätte sein können.
„Na gut da scherzt jemand mit mir!“ mein erster, laut ausgesprochener Gedanke. Ich drehte mich wieder um, um die Zügel jetzt anzulegen. Unnötig zu erwähnen das die vermeintliche Mädi mir mittlerweile den Hintern zeigte. Ich also um das Pferd herum, schön wie gelernt von links die Zügel hoch, als es wieder und erst noch wesentlich lauter und bestimmter hinter mir rumpelte: „Ich sagte doch, das sind meine Zügel!“
Ich war jetzt schon etwas verwirrt! Noch im erneuten umdrehen sah ich, dass die zweite Mädi irgendwie die Nüstern bewegte, aber ich bitte Sie, Mr. Ed* hat vor 60 Jahren gelebt und sprechende Pferde gibt es definitiv nicht! „Jetzt komm schon her, ich bin Mädi!“ rief das Pferd jetzt…. wirklich es bewegte das Maul und heraus kamen — Worte!
Ich wusste nicht recht was ich jetzt tun sollte und so blieb ich einfach mal stehen. Dann, als mein Kopf wieder zu arbeiten begann, versuchte ich gehetzt herauszufinden wer denn da sprach, denn einen menschlichen Synchronsprecher musste es ja irgendwo geben. Nur da war niemand, weit und breit niemand! Ausser den Pferden natürlich.
Während ich also immer noch starr da stand und die vermeintliche Mädi ganz gemütlich auf mich zukam, war mir als würde ich eine Art Gelächter hören…. Die Pferde lachten mich aus?
Mädi stiess mich mir der Nase an: „Los rauf mit dem Zügel, ich hab jetzt richtig Bock auf 30 Minuten Fell Wellness und jede Minute in der Du so da stehst geht an meinem Genuss verloren!“ meinte Sie ziemlich bestimmt.
„Ja ich mach ja schon, keine Angst du bekommst jede Art Wellness die sich hier organisieren lässt und 30 Minuten reichen alleweil um Dich schön zu machen!“ sagte ich gedankenlos, denn an denken war in diesem Moment gar nicht zu denken.
Haben sie schon mal ein erstaunt schauendes Pferd gesehen? Ich vorher auch noch nie. Die Nüstern hoch, riesige Augen, toller Pferdemundgeruch voll im Gesicht und so eine Art Glucksen. „Sag bloss du verstehst mich?“ sagte Mädi, leise wie mir schien. „Ja.. ja..?“ stotterte ich „es sieht so aus, du hast Bock auf Wellness sagtest du oder?“ meinte ich, immer noch hoffend, dass sich der Synchronsprecher jetzt zeigen würde. Die Hoffnungsblase zerplatze auf der Stelle, denn Mädi wurde ganz aufgeregt und rief in die Runde (wohlgemerkt, in die Pferderunde): „Habt ihr das mitbekommen? Er versteht uns! Das ist seit Franz von Assisi und Dr. Dolittle nicht mehr passiert!“.
Die Pferde drehten sich alle um und schauten mich an, ein Stakkato von Fragen und staunenden Unglaubens-Beurkundungen folgte. Ich konnte nicht annähernd so viel beantworten wie die Pferde mich fragten.
Ich erinnere mich an eine im Hintergrund gerufene Frage zur Relativitätstheorie von Einstein. Der stolze Friese war sehr an Geographie interessiert und fragte sofort wo denn in etwa Friesland sei und ob er dies wohl je in seinem Leben sehen würde? Die falsche Mädi fragte nach spezifischer Pferdeliteratur und ein Pony wollte unbedingt wissen wo Shetland und wo Island lägen, weil es sich seiner Wurzeln nicht ganz sicher war (was ich aber in der Verwirrung selbst nicht wusste). Aber wer hätte gedacht wie gebildet und vor allem neugierig die Jungs und Mädels sind?
Irgendwann wurde es Mädi aber zu bunt, „Ruhe!!!“ rief sie „Ich will jetzt ganz einfach gestriegelt werden, ihr könnt Ihn ja immer wenn er da ist mit Fragen löchern, aber jetzt ist er nur für mich und mein Wellness da!“. Ich musste Ihr zustimmen und ein unterschwellig vorhandenes Gefühl sagte mir, dass ich Mädi jetzt wohl besser gehorche. Schliesslich wollte ich noch eine Stunde auf Ihr reiten.
Als ich Sie raus führte stand da Monika am Gatter. „Sag mal was macht Du denn mit den Pferden? Die stehen um Dich herum und wiehern um die Wette und Du bleibst ganz ruhig mittendrin?“. „Ach weisst du, wir haben etwas geplaudert, …. über Gott und die Welt!“ antwortete ich mit einem gepressten Lachen. „Ich hab Dich aber nicht wiehern gehört?“ erwiederte Monika lachend und lief in Richtung Sandplatz davon. „Wenn die wüsste!“ schnaubte Mädi.
Na ja mir war das egal, ich zumindest wusste jetzt, dass tatsächlich niemand ausser mir die Pferde zu so direkt zu verstehen schien.
Sie können sich vorstellen was in mir vorging. Ich habe tatsächlich fieberhaft darüber nachgedacht was tatsächlich passiert ist. Die Spekulationen gingen von falscher Ernährung über den am Dienstagabend am Spiegelschrank gestossenen Kopf bis zu akuter Schizophrenie. Die Überlegungen nutzten aber gar nichts.
Die schlaue Mädi meinte: „Wir machen das jetzt genau so wie immer. Du probierst, ich mach das Gegenteil. Langsam, langsam komm ich Dir dann entgegen und in ein zwei Jahren kannst du dann so gut Reiten, dass Monika meint sie hätte es Dir beigebracht. Alles andere wär verdächtig. Ausserdem hab ich dann 2 Jahre lang jemanden für interessante Gespräche. FFF (Freddy der fiese Friese) geht mir schon langsam auf den Wecker und die meisten anderen Mädels im Stall haben nur Fressen und Striegeln im Sinn.“
So und nun sitze ich wieder auf Mädi im Sattel. „ Schaust du bitte, dass Du beim Leichtreiten den Takt halten kannst? Das schlägt mir sonst immer in den Rücken!“ meinte sie gerade als Monika mich aufforderte mal eine Runde Leichtreiten stehend zu absolvieren.
Und tatsächlich hat Mädi Wort gehalten. Bei der Vorwärts-Rückwärts Übung hatte ich tatsächlich fast geschafft was Monika von mir wollte. Aber eben nur fast und Mädi musste sich das Lachen verkneifen.
Wir haben uns dann geeinigt, dass Sie immer ein Gesprächsthema für die folgende Woche wünschen darf und ich mich darauf vorbereite. Zudem musste ich versprechen nie zu spät zu kommen damit sie immer schön Ihre Wellness bekommt.
Ich frag mich was meine Kurs Kolleginnen wohl denken wenn ich mit Mädi bei Striegeln vor der nächsten Stunde über das Leben von Leonardo da Vinci diskutiere. Ich hoff e das geht noch unter die Fehler die sie mir verzeihen. Ich bin schliesslich ein Mann und Männer können nichts dafür, oder?