Ich habe gestern Abend Mitternacht verpennt. Das ist weiter nicht schlimm, sogar sehr gut sagt man, denn der vormitternächtliche Schlaf soll ja der gesündeste sein. Aber nicht zu Sylvester. Glaubt mir.

Irgendwann, ich glaube kurz nach Mitternacht wurde ich durch einen Böllerschuss geweckt. Die Jungs aus der Nachbarschaft mussten das einfach tun. Wie auch immer, da sassen sie dann die beiden. Lässig auf meiner Bettbank, angelehnt an die Wand. Nicht etwa die Jungs aus der Nachbarschaft, nein 2020 und 2021. 2020 schon etwas blass und müde, 2021 total aufgekratzt und so voller Energie, dass man meinen könnte es sei gedopt oder leide bereits jetzt schon an einem ADHS Syndrom.

Ich habe mich umgedreht, wollte weiterschlafen, hatte keine Lust auf skurrile Träume doch 2020 meinte mit schwächlicher, aber vorwurfsvoller Stimme: „Du hast dich nicht von mir verabschiedet!“ «Ich rede doch nicht mit einem Traum“, dachte ich mir noch als ich realisierte, dass ich tatsächlich nicht Träume. Von wegen im Traum träumen das man träumt. Also setzte ich mich auf.

2020 sah wirklich schlecht aus, blass, schwer atmend beinahe wie eine Sterbende.
«Sorry, im bin vor dem Fernseher eingeschlafen“ hörte ich mich sagen und dann als müsste ich das tatsächlich begründen: «Ausserdem, wieso soll ich mich von einem Jahr verabschieden, an welches ich nur schlechte Erinnerungen haben werde?“.

2020 fing spontan an zu weinen und schluchzte: „Wieso denn? Ich habe mich so bemüht… hab mit dem Frühling und dem Sommer verhandelt, damit sie sich von der schönsten Seite zeigten, sogar der Herbst hatte etwas gute Laune nur der Winter, schlechtgelaunt wie immer wollte sich nur von der nebligen Seite zeigen.“. Das leicht weinerliche traf mich ein bisschen.
2021 dagegen schien fast zu explodieren vor Energie und konnte es nicht mehr abwarten zu Wort zu kommen: „Mit dem Winter, mit dem werde ich noch ein Wörtchen reden! Der wird schon schön ihr werdet sehen und ausserdem werde ich..“.
2020 nahm alle Energien zusammen und schnitt 2021 das Wort ab: „Bitte warte, bis ich fertig bin, auch wenn wir schon in deiner Zeit sind.“. Ich nahm das zum Anlass um noch mal etwas zu lamentieren, denn so einfach lass ich mich nicht abspeisen und sagte zu 2020: „Weisst du, Corona, die ganze Menschheit fürchtet sich, mir selbst und vielen Freunden hast du es besonders hart geschickt, kein Reisen mehr, keine Besuche mehr, Verteilkampf um WC Papier und Alkohol, durchgeknallte Politiker um den Globus und so viele Tote. Wie sollte ich dir da nachweinen oder mich gar von Dir verabschieden wollen?“
2020 schaute auf: „Wovon redest du? Was kann ich als Jahr dafür, wenn ein paar Chinesen schlecht gekochte Fledermäuse essen? Ist es mein Ding, dass ihr in der Welt herumreist als wäre Peking gleich mal nebenan? Weisst du eigentlich wie viele Menschen an Hunger sterben und niemand hat jemals einem Jahr den Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein. Von anderen Krankheiten ganz zu schweigen!“
Ich muss sagen, das leuchtete schon ein und als ich mich bei 2020 für meine Borniertheit entschuldigen wollte war es schon beinahe völlig verblasst und verschwunden: „Du hast recht, du hast völlig recht bitte entschuldige!“.

Ich weiss nicht, ob es meine Worte noch gehört hat, denn als ich wieder aufschaute sass da nur noch 2021.
„Vergiss den alten Deppen!“ meinte 2021, „Ich mach ALLES besser!“
„Ach ja“ sagte ich, „was denn genau?“
„Einfach alles, ich werde die Wirtschaft ankurbeln, alle können wieder Reisen, Ferien sind wieder möglich…! Ich sorge auch dafür das Donald wieder eine Ente und Corona ein Bier wird!“

Das war mir dann doch zu blöd. Offensichtlich hatte 2021 bereits einen WhatsApp Account, denn die abgedroschenen Sprüche finden sich dort millionenfach. 2021 hat glaube ich noch weiter gelabert, aber irgendwie schien es als wäre das Wesentliche noch nicht bei ihm angekommen.

Ich musste beim Einschlafen nochmal an 2020 denken und mir wurde einiges klar. Es geht nicht um Jahreszahlen, Profit, Bequemlichkeit, Impfstoffe, Reisen und Geld. Es geht nur um Menschen und den steten Versuch diese irgendwie zu verbessern. Ich hoffe 2021 kommt auch noch zu dem Schluss. Sagen konnte ich es ihm nicht mehr, denn es hatte bereits mit seiner Arbeit begonnen und war schon unterwegs.

So nun kann ich allen die das Lesen ein grossartiges neues Jahr wünschen. Falls Ihr 2021 mal persönlich begegnet, ein paar Gedanken und ein Gespräch über die wirklichen Werte könnten ihm nicht schaden.